Unter (leichten) kognitiven Beeinträchtigungen leiden nach aktuellen Untersuchungen rund 40% aller MS-Erkrankten. Als kognitive Beeinträchtigung bezeichnet man dabei unter anderem, wenn die Konzentration, das Gedächtnis, oder die Kommunikationsfähigkeit gestört sind.

Dies geschieht in der Regel in einem langsamen, schleichenden Prozess. Da auch gesunde Menschen schon einmal etwas vergessen oder einfach unkonzentriert sein können, wird der Krankheitswert solcher Beeinträchtigungen oft lange verdrängt oder heruntergespielt.

Diagnostik

Um kognitive Beeinträchtigungen und deren Schwere zu beurteilen, gibt es entsprechende Tests und Bewertungen durch Neuropsychologen. Hier ist es in einigen Fällen auch sinnvoll, anhand von MRT-Bildern zu beurteilen, ob die kognitiven Probleme durch hirnorganische Veränderungen oder Abbauprozesse erklärt werden können.

Neben der Diagnostik ist aber natürlich auch die Behandlung wichtiger Bestandteil der Arbeit von Neuropsychologen, z. B. um Fähigkeiten durch bewusstes Gehirntraining wieder zu aktivieren oder um Alternativmechanismen zu etablieren.

Wie sich kognitive Beeinträchtigungen bemerkbar machen

Häufig sind es unsere Partner, die kognitive Beeinträchtigungen als erstes bemerken. Eigentlich gut, denn so hätten wir die Möglichkeit, frühzeitig darauf zu reagieren, bewusst einen Umgang damit zu finden, oder einen Neurologen/Neuropsychologen um Hilfe zu bitten.

Stattdessen kommt es hierdurch aber meist erstmal zu einer Beziehungskrise.

Warum kritisiert mich mein Partner?

Meine erste Reaktion auf die Hinweise und Fragen meiner Frau waren – kurz und knapp – Ablehnung.

Ich war so sehr damit beschäftigt, mir selbst Erklärungen und Ausreden für meine kognitiven Probleme zu konstruieren, dass ich eine objektive Beurteilung nicht zulassen konnte. Schon gar nicht von meiner Frau, die normalerweise verlässlich zu mir hält und mich unterstützt.

Hierzu musst Du wissen, dass ein großer Anteil der Erklärungsversuche unbewusst abläuft. Das heißt, ich habe selbst an diese Ausreden geglaubt und sie nicht als solche wahrgenommen.

Als meine Frau mich die ersten Male darauf hinweisen wollte, dass ich vergesslich werde, habe ich das als persönlichen Angriff interpretiert. Einmal war mir das, was ich vergessen hatte, nicht wichtig genug, um es mir zu merken. Ein anderes Mal war ich zu müde, noch ein anderes Mal hatte es mir niemand gesagt.

Gleichzeitig begann ich jede Gelegenheit zu nutzen, um auch meiner Frau Vergesslichkeit vorzuwerfen. Dabei kam mir meine eigene Vergesslichkeit manchmal sogar zu Hilfe. So habe ich manchmal einfach vergessen, dass ich meiner Frau von einer Verabredung noch gar nichts erzählt hatte. So konnte ich ihr wunderbar vorwerfen, dass SIE es vergessen hat…

Konfabulation – ausfüllen der Gedächtnislücken mit logisch passenden Themen

Auch kommt es immer wieder vor, dass ich Gedächtnislücken mit den wahrscheinlichsten Inhalten ausfülle. Dies ist eine automatische Schutzreaktion des Gehirns, die dem betroffenen Menschen oft nicht einmal bewusst ist. Meist ist es ein Gefühl, als müsste man kurz nachdenken, bis man sich erinnert. Dass die Erinnerung dann aber nicht der Realität, sondern der Phantasie entspringt, ist oft nicht erkennbar.

Das Problem dabei ist, dass diese Konfabulation meist dem Gesprächspartner irgendwann auffällt.

So entsteht das Gefühl, dass der MS-Patient unehrlich ist, oder einfach Blödsinn erzählt.

Auf dieses Problem angesprochen reagieren wir in der Regel wieder einmal mit Verleugnung und Ausreden. Da es uns auf einer tiefen Ebene bewusst ist, dass es unserer Phantasie entsprang, schämen wir uns. Wir werden sehr erfinderisch, wie es dazu gekommen ist, um von unserem eigentlichen Problem abzulenken.

Die wichtigste Erkenntnis für Angehörige und Freunde: Konfabulation ist keine böse Absicht!

Ganz wichtig ist es mir klarzumachen, dass wir in aller Regel nicht konfabulieren, um bewusst unsere Gesprächspartner anzulügen oder hinter’s Licht zu führen. Wie bereits erwähnt, kann eine Konfabulation sogar ganz unbewusst ablaufen. Wir belügen uns praktisch selbst so gut, dass es uns gar nicht auffällt. Wenn Du selbst Partner oder Freund eines an MS erkrankten Menschen bist, dann nimm ihm diese Verhaltensweise bitte nicht übel.

Du bist nicht persönlich gemeint, er möchte Dich nicht anlügen!

Wenn Du selbst der Betroffene bist, mach Dir diese Verhaltensweise bewusst. Finde heraus, wann und in welchen Situationen Du konfabulierst. Wie und wann Du damit andere belügst. Aus welchem Grund Du konfabulierst.

Bewusstsein und Ehrlichkeit Dir selbst gegenüber ist die Voraussetzung, um einen entspannten und guten Umgang mit Deiner Schwäche zu erreichen!

Die 5 wichtigsten Schritte zu Deinem entspannten Umgang mit kognitiven Einschränkungen

  1. Erkenne Deine eigene Schwäche an
  2. Gehe offen und ehrlich mit Deiner Vergesslichkeit um
  3. Liebe Dich selbst! Du bist trotz oder gerade wegen Deiner Schwächen ein extrem liebenswerter Mensch!
  4. Nutze Hilfsmittel wie SmartPhones, um Dich zu orientieren und/oder an Wichtiges erinnert zu werden
  5. Such Dir Hilfe und lerne sie anzunehmen

Diese 5 Punkte klingen einfach, aber in der Umsetzung wird schnell klar, dass jeder einzelne Punkt sich wie ein Angriff auf unsere Eigenständigkeit und Souveränität anfühlt.

Ich erinnere mich gut an meine erste Abwehrreaktion, als mir meine Frau vorgeworfen hat, dass ich „alles vergesse“.

Schon in meiner Kindheit musste ich meine Lebensberechtigung durch Leistung verdienen. Ich war es gewohnt, in allen Lebensbereichen (Schule, Sport, Freundschaften, …) „der Beste“ zu sein. Mein Gehirn funktionierte immer problemlos und ohne Anstrengung auf Höchstleistung.

Der Angriff meiner Frau kam mir dadurch so vor, als würde mir diese Eigenständigkeit und Souveränität plötzlich aberkannt.

Da ich aber mit meiner starken Hirnleistung meine Lebensberechtigung verknüpfte, kannst Du Dir vorstellen, wie geschockt ich von dieser Aussage war. Selbstverständlich habe ich alles abgestritten und mir meine eigene Wahrheit bewahrt, in der meine Frau verrückt wurde und mich völlig zu Unrecht „klein“ machen wollte.

Erst als wir in Ruhe und ohne gegenseitige Angriffe miteinander sprachen, wurde dann klar, dass wieder alles mit meiner fehlenden Selbstliebe zu tun hatte.

Ich habe mich selbst wieder für mein Verhalten verurteilt, habe mich nicht als wertvoll und liebenswert gefühlt.

Ausstieg aus der Selbstverachtung –
Du bist WICHTIG und LIEBENSWERT!

Wenn Dir Ähnliches passiert, dann solltest Du Dir klarmachen, dass Du der wichtigste Mensch in Deinem Leben bist!

Wenn Du dies selbst nicht schaffst, dann lass Dir helfen! In meinen Behandlungen und auch in meinem MS-Jahrestraining geht es zum Beispiel genau darum. Wir alle haben gelernt, dass wir Leistung erbringen müssen, bevor wir für uns etwas erwarten/verlangen dürfen. Gerne würde ich Dich vom Gegenteil überzeugen!

Du bist liebenswert und wertvoll, weil Du BIST, nicht weil Du leistest.

Selbst der schwierigste und längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt

Unser bisheriges Leben hat in uns viele Automatismen und Muster erzeugt, die oft bereits in der Kindheit in uns geprägt wurden. Manche dieser Muster sind wichtig und positiv, andere allerdings störend und „verhindernd“. So verhindern unsere Muster oft, dass wir ganz selbstverständlich unser Leben genießen und uns dabei noch darüber im Klaren sind, dass wir genau dieses tolle und leichte Leben auch verdient haben.

Um aus diesen Mustern wieder auszusteigen, musst Du erst einmal den ersten Schritt gehen.

Sei neugierig und experimentierfreudig wie ein Kind

Probiere Dich aus! Wenn wir den ersten Schritt gehen, müssen wir noch nicht wissen, wohin der gesamte Weg uns führt. Wir dürfen nach jedem Schritt anhalten und fühlen, ob es sich gut anfühlt oder ob wir lieber die Richtung ändern oder gar umdrehen möchten.

Wenn wir aber gar nicht erst losgehen, verpassen wir womöglich eine große Chance!

Lass Dich unterstützen! Ich habe selbst Erfahrung mit kognitiven Beeinträchtigungen und kann Dir gute Tipps zum Umgang damit, aber auch zur unterstützenden Behandlung geben!